Im deutschsprachigen Raum hat sich spätestens seit den 1960er Jahren in der Kooperation mit der französischsprachigen cinéma-Forschung und der angloamerikanischen new film history eine Kino- und Filmforschung entwickelt, die eigene Institute und Lehrstühle, eigene Lehrpläne und Qualifikationsprofile, eigene Archive und Bibliotheken, eigene Handbücher, eigene Film- und Fernsehgeschichten, Einführungen in die Film-, Fernseh- und Medienwissenschaft (in mehrfachen Aufl.) sowie eine Fülle von interdisziplinäre Kooperationen hervorgebracht hat.
2) Die am Begriff des cinéma oder der new film history ausgerichtete deutschsprachige Film- und Medienforschung versteht unter Film keineswegs nur den Film auf der Kino-Leinwand und will daher Medienforschung nicht auf traditionelle ,historisch-hermeneutische‘ Fragestellungen eingrenzen. Vielmehr ist mit Nachdruck festzuhalten, das Filmwissenschaften als Cinema studies all das in den Blick nehmen, was auf der apparativen, sozialen und diskursiven Ebene die Gesamtheit dessen beschreibt, was die Produktion, Distribution, Präsentation und Rezeption von Spiel-, Dokumentar-, Experimental-, Animations- und Werbefilmen ausmacht.
3) Eine solche Filmforschung und Filmwissenschaft hat im Verlauf ihrer Geschichte ein ausgesprochen reichhaltiges Set an Methoden und Theorien ausgebildet. Zu nennen sind hier die historisch weit zurückgreifende Pré-Cinéma-Forschung, der Prolog vor dem Film der 1910er Jahre, der sichtbare Mensch eines Béla Balázs oder die Filmkunsttheorie eines Rudolf Arnheim, der Medienkonstruktivismus der sowjetrussischen Avantgarde sowie die Strukturalisten und Formalisten der 1930er bis 1950er Jahre. Hinzu kommen die Geburt einer Medientheorie aus dem Geist der Filmtheorie (W. Benjamin), die Kritik der Kulturindustrie (Horkheimer/Adorno), die Realismustheorien eines Kracauer oder Bazin, die linguistischen Filmtheorien der 1950er und 60er Jahre, die Apparatus-, Dispositiv- und Psychoanalyse-Theorien der 1960er Jahre, Arbeiten aus Feminismus und Gender-Forschung, Neoformalismus und Kognitivismus, die moderne Emotionsforschung oder die Cultural Studies. Hier steht ein Laboratorium an Medientheorien bereit, das nicht nur für die Filmwissenschaft, sondern auch für eine über das Medium Film hinauszielende allgemeine Medienwissenschaft unverzichtbare Anregungen vorhält.
4) Die AG Filmwissenschaft und Cinema Studies (früher:”AG Kino”) ist daher der Meinung, dass im Rahmen einer kulturwissenschaftlichen Weiterentwicklung von Film- und Medienwissenschaft die das klassische Medium Kino-Film in seiner medialen Vielfältigkeit erforschende Filmwissenschaft auch weiterhin als selbständige Facheinheit mit eigenen Studiengängen vertreten sein sollte (vgl. FU Berlin, Frankfurt a. M., Mainz, Wien oder Zürich/Lausanne); die Ausbildung filmwissenschaftlicher Schwerpunkte in medienübergreifenden Medien- und Medienkultur-Studiengängen fortgesetzt und ausgebaut werden müsste (z. B. Hamburg, Paderborn, Köln, Kiel oder Marburg); sowie der Stellenwert disziplinärer filmwissenschaftlicher Fragestellungen in medienintegrativen kulturwissenschaftlichen Medien-Studiengängen erkennbar verankert bleiben sollte (vgl. Bochum, Weimar, HU Berlin, Göttingen, Konstanz oder Siegen). Etwas anderes würde der historischen wie aktuellen Bedeutung einer sich stetig erneuernden Filmwissenschaft mit ihren medienwissenschaftlichen Zukunftspotentialen nicht entsprechen.
Kontakt: Ursula von Keitz (Universität Bonn), keitz@ifk.uni-bonn.de
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AG Filmwissenschaft und Cinema Studies
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