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Katrin Köppert erhält den GfM Best Publication Award Gender & Medien 2013

In ihrem Aufsatz „Scrap-Book of Tears. Entwürfe des Selbst im (Zeit-)Gefüge von Schmerz und Hoffnung“ untersucht Katrin Köppert das visuelle Notiz- und Tagebuch des 1994 an AIDS verstorbenen Stephan D. Michaels als mediale und ästhetische Strategie der Selbstent- und Selbstverwerfung.

Die private Selbst-Medialisierung Michaels liest Köppert im Kontrast zur sensationalistischen Repräsentation des schwulen Männerkörpers in Massenmedien der 1980er und 1990er. Schließlich hatten diese in der Darstellung von AIDS den homophoben Topos des 19. Jahrhunderts von Homosexualität als Krankheit reaktiviert, was zu einer politischen Dringlichkeit von Gegenentwürfen schwuler Subjektivität führte. Krise und Krankheit, so Köppert, werden in Michaels Scrap-Book nicht pathetisch in Szene gesetzt; eine Versöhnung mit der Schmerzerfahrung durch die der Leidende Schmerz und Trauma heldenhaft transzendieren könnte, erfolgt nicht. Denn hier geht es, so Köppert, keinesfalls um ein Meistern der Krise gerade in ihrer Zurschaustellung: „Statt der Frage nachzugehen, wie sich ein Subjekt konstituiert, das Krisen ‚meistern‘ kann, frage ich nach der Politisierbarkeit der Fragilität der Relation von Selbst und Affekt.“ (Köppert 2013, S. 185f.)
Die repräsentationspolitische Aufgabe einer nichthomophoben Abbildung eines Lebens mit HIV verschränkt sich mit den medialen Möglichkeiten des Scrap-Book. Köppert spricht von einem Verfahren der Scrapage, das Zeichnungen, Zeitungsausschnitte, Fotos und Notizen zusammenbringt. Zwar kann eine Nähe zu Avantgarden des 20. Jahrhunderts und deren Montagetechniken gezeigt werden. Aber auch medientechnisch erweist sich die Scrapage im Kontext von Michaels „Scrapbook of Tears“ noch einmal als produktiver Gegenentwurf: „Scrapage als mediale Technik der Krise bleibt selbst immer krisenhaft.“ (Köppert, 2013, S. 187)
Neuere queertheoretische Positionen von Lee Edelman, Jose Munoz und David Eng erlauben es Köppert, die symbolischen und politischen Potentiale einer spezifischen queer temporality auszuloten. Diese orientiert sich weniger an einer auf die Kohärenz des Subjekts angelegten linearen Zeitlichkeit, die noch die Krankheit zum Anlass nimmt, Sinnproduktion narrativ abzuschließen. Vielmehr zeigt sich das Scrap-Book mit seinen zeitlichen Vor- und Rückbezügen, die einerseits auf keine Figur der zukünftigen Schließung einer subjektiven Leidensgeschichte abzielen, aber andererseits Zukünftigkeit als Potential konkret materialbezogener Techniken überhaupt nicht ausschließen, als eine „Kunst des alltäglichen Kampfes“.

Mit ihrem Aufsatz macht Köppert eine entscheidende Phase der Subjektkonstitution an der Intersektion von Sexualität/Gender/Krankheit und Medien zugänglich, die als wichtiger Bezugspunkt weiterer Debatten über Biopolitik und Medialität gelten kann. Köppert positioniert sich damit auch im Kontext der bisher hauptsächlich US-amerikanischen Debatte, die Queerness auch als Fragen von Temporalität und Erinnerungsarbeit versteht. Nicht zuletzt weisen ihre Auslegungen darin über einen psychoanalytisch abgesteckten Rahmen im Verständnis von Subjektivität hinaus, indem sie Ansätze der Affekt-Theorie wie zum Beispiel die Frage nach neuen Archiven und Alltagspraktiken mit in den Blick nimmt.

Katrin Köppert ist Stipendiatin des DFG-Graduiertenkollegs „Geschlecht als Wissenskategorie“ an der Humboldt-Universität Berlin, wo sie auch Gender Studies und Neuere Deutsche Literatur studierte. 2010 bis 2013 war sie Wissenschaftliche Mitarbeiterin im DFG-Forschungsprojekt „Medienamateure in der homosexuellen Kultur“ an der Universität Siegen.

Katrin Köppert, Scrap-Book of Tears. Entwürfe des Selbst im (Zeit-)Gefüge von Schmerz und Hoffnung, in: Susanne Regener, dies. (Hg.), privat/öffentlich. Mediale Selbstentwürfe vom Homosexualität, Wien (Turia + Kant) 2013, 175–2003.


Eine lobende Erwähnung geht an Angelika Bartl

Im Mittelpunkt von Angelika Bartls Text „Verschleierte Ansichten“, einem Kapitel ihrer Dissertation, steht der Film The White Station (1999, R: Seifollah Samadian, 9 Min.), der auf der documenta11 (2002) gezeigt und in der Kritik fast durchweg positiv besprochen wurde. Bartl stellt vier Lesarten des Films vor, wobei sie auf unterschiedliche Referenzen, unter anderem Positionen der feministischen Kunstwissenschaft, rekurriert. Es entsteht in dieser Lektüre nicht lediglich ein Vexierspiel von Perspektiven auf den Film, sondern es wird darüber hinaus vor allem eine dekonstruktive Lektüre des Kunstdiskurses und dessen Vorannahmen zu „verschleierter Weiblichkeit“ unternommen.

Angelika Bartl ist Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Kunstwissenschaft und -pädagogik der Universität Bremen. Sie studierte Kunstgeschichte, Kunstpädagogik und Französisch an der Universität Wien, war als Kunstvermittlerin tätig und wurde an der Universität Oldenburg promoviert.

Angelika Bartl, Andere Subjekte. Dokumentarische Medienkunst und die Politik der Rezeption, Bielefeld (transcript) 2012 (Kap. 4: Verschleierte Ansichten, 131–169).


Die Jury: Ulrike Bergermann, Sabine Nessel, Kathrin Peters, Peter Rehberg, Stephan Trinkaus





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