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AG Medienwissenschaft und Wissenschaftsforschung

Schnittpunkte zwischen Medientheorie und Wissenschaftsforschung drängen sich an verschiedenen Ecken und Enden auf: forensische Anthropologie im Fernsehkrimi, Diagramme und Metaphern in den Naturwissenschaften, Denken als medial bedingte 'Operation', das Labor als Medienkonstellation und Medien als Resultate der Laborforschung ...

Die AG "Medienwissenschaft und Wissenschaftsforschung" greift diese verschiedenen Schnittpunkte auf und diskutiert vor ihrem Hintergrund die disziplinären, methodologischen und theoretischen Beziehungen zwischen Medienwissenschaft und Wissenschaftsforschung. Damit ist zugleich eine Reflexion über den wissenschaftstheoretischen Status der Medienwissenschaft, ihre Gegenstandsbereiche und Kanonisierungsprozesse verbunden.

Wissenschaftsgeschichte ist in den letzten Jahren in Mode gekommen und beschäftigt sich zunehmend mit den Medien der (Natur-) Wissenschaften ? etwa dem Einsatz sogenannter bildgebender Verfahren in der Medizin, optischer und andere Instrumente bei der Herausbildung naturwissenschaftlichen Wissens, der medialen Verfasstheit von Wissenschaft in Schrift und Bild sowie digitaler Kommunikationsstrukturen. Der Medienbegriff und die medienbezogenen Analysemethoden bleiben dabei ? aus medienwissenschaftlicher Perspektive - meist implizit. Zugleich scheint die immer noch recht junge Medienwissenschaft viel von der Wissenschaftsforschung lernen zu können: Wie wird etwas zu einem "wissenschaftlichen Objekt"? Wie konstituieren sich die verschiedenen Auffassungen vom "Medium"? Wie lassen sich Definitionsversuche in ihren (technik-, sozial-, institutions-...)historischen Bedingtheiten situieren? Historiografische Fragen werden deutlich als immer schon medientheoretische. Insbesondere die neuere Wissenschaftsgeschichtsschreibung und die sogenannte Laborforschung - Bereiche, die im angloamerikanischen Raum auch unter dem Label Science and Technology Studies (STS) firmieren - bilden einen neuen Gravitationspunkt, der Gegenstände, Personen, Fragestellungen und Methoden, die man vor kurzem noch einer kulturwissenschaftlichen Medienforschung hätte zuordnen können, auf sich zieht. Wenn wissenschaftliches Arbeiten als spezifische Verkettung von technischen Artefakten, menschlichen Handlungen und diskursiven Strukturen aufgefasst werden, so ist dies immer auch eine Medien-, Technik- und Kulturgeschichte. Vergleichsweise breit diskutiert wurde dies bisher in der Erforschung der Fotografie als Technik wissenschaftlicher Erkenntnisproduktion und den Veränderungen historischer Wahrnehmungsweisen, die - etwa durch die Plausibilisierung neuer Objektivitätskritierien - mit ihr einhergingen; einzelne Arbeiten zur Rolle anderer Visualisierungstechniken filmischer oder digitaler Art verweisen auf offene Fragen zur Rolle von Grafiken, des Fernsehens, der Wissenschaftsmuseen und vielem mehr.

Medienwissenschaft liegt insofern quer zu den vielzitierten 'two cultures', muss ihre 'science wars' intern austragen, als dass sie sich gerade aus kultur- und geisteswissenschaftlichen Bereichen einerseits, im Bezug auf technische Bereiche andererseits versteht: als Verbindung von Apparaten, Informatik, der Soft- wie Hardware alter wie neuer Geräte, ihren Strukturen und Funktionsweisen für Wahrnehmung, Distribution, Öffentlichkeiten bis hin zu Möglichkeitsbedingungen der episteme. Was sich zwischen den Disziplinen abspielt, findet also hier auch innerhalb des Fachs statt, und so könnte es besonders von dieser Auseinandersetzung profitieren. Impulse aus dem Forschungsfeld Gender and Science können ebenfalls für die Frage nach dem Verhältnis von epistemologischen und medientheoretischen Bereichen relevant sein. Dass der Computer in zahlreichen Arbeiten historischer wie theoretischer Fluchtpunkt ist, scheint eine weitere untersuchenswerte Brille für die Verfasstheit des Fachs zu liefern.

(Ulrike Bergermann, Markus Stauff)

Kontakt:
Gabriele Schabacher: gabriele.schabacher@uni-siegen.de
Alexander Zons: alexander.zons@uni-konstanz.de




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