"Welche Sinne machen Medien?"
Medien adressieren einzelne Sinne, formieren sie und schließen andere aus. Im Ineinandergreifen von Aisthesis und Medien entstehen historisch wandelbare Ordnungen des Sinns, die immer auch von Momenten der Unbestimmtheit und der Irritation geprägt sind. Längst ist dabei die Hegemonie des Optischen gebrochen: Interaktive Medien und multimediale Settings sprechen Auge, Ohr und Tastsinn zugleich an.Diese Befunde veranlassen zu einer Revision des Denkens über die Beziehungen zwischen (menschlichen) Sinnen und (technischen) Medien, zwischen Wahrnehmung und Medialität. Wie modellieren Medien die Sinne und umgekehrt: Welche Widerstände produzieren die Sinne? Welche historischen Formationen eines Wissens von den Sinnen gibt es und inwiefern ist dieses selbst in die Formation der Medien und darüber in die Medienwissenschaft eingeflossen? Welche Interfaces haben sich durchgesetzt und bestimmen heute unser Wissen vom Menschen und von Medien? Und schließlich: Wie viel verdankt die Medienwissenschaft der Ästhetik, insbesondere der ästhetischen Moderne, und wie hat sie zu deren Selbstverständnis – und zu deren Verständnis der Sinne – beigetragen? Ist Medientheorie ohne ein Konzept von Aisthesis überhaupt denkbar?
Die Medienwissenschaft hat seit ihren institutionellen Anfängen nicht unwesentlich in Konzepte einer spezifischen Ästhetik der Medien investiert, um ihren Legitimationsanspruch zu begründen. Außerdem haben sich Medienangebote und -nutzungen in den letzten Jahrzehnten enorm vervielfältigt und gerade hinsichtlich der Adressierung der menschlichen Sinne ausdifferenziert. Vielfältige Multimedia-Anwendungen haben Einzug in private Haushalte wie öffentliche Institutionen und als Medien-Kunst Einzug in die Museen gehalten.
Diese Skizze führt zu einer Reihe von Fragen, denen sich die Jahrestagung 2009 der Gesellschaft für Medienwissenschaft stellen will.
Folgende, nicht erschöpfende, Aufzählung dient als Orientierungshilfe für Vortrags-, bzw Panelvorschläge:
➢ Welche Sinne werden in und von Medien adressiert? Welche entziehen sich medialen Zugriffen?
➢ Wie haben sich Wahrnehmungsvorgänge und ihre Funktion im Bereich der gegenwärtigen Erfahrungs- und Erkenntniskräfte verändert?
➢ Welche (neuen) Sinnes-Hierarchien sind gegenwärtig am Werk? Kann von einer Wiederkehr des Taktilen, der Sensomotorik, der Relativierung des Sehens - auch in der Medienwissenschaft - gesprochen werden? Was sagt die jeweilige Bevorzugung bzw. Vernachlässigung einzelner Sinne (wie des Geruchssinns) über die impliziten Grundannahmen von Medientheorien aus?
➢ Wie stellen sich historische Formationen der Wahrnehmung und ihrer Dispositive (Technologien des Betrachters, Sinnestechnologien, Physiologie der Sinne, Körpertechniken) im Rahmen gegenwärtiger Medienwissenschaft dar?
➢ Welche medientheoretischen Konzepte fokussieren den multisensoriellen Gebrauch von Medien?
➢ Wie modellieren Konzepte der Aisthesis Transgression in der Medientheorie?
➢ Wie bringt eine Aisthesis der Medien Übergänge und Vermittlungen zwischen Sozialität und Körperlichkeit zur Darstellung?
Der Fokus auf das Verhältnis von Sinnen und Medien soll im Rahmen der Tagung gezielt zu einer – notwendigen – methodologischen Diskussion medienwissenschaftlicher Theorien und Konzepte hinsichtlich ihrer Bezugnahme auf die Sinne bzw. ihrer exkludierenden Praktiken genutzt werden. Zugleich kann sie Perspektiven eröffnen für eine Medienwissenschaft, die sich verstärkt der Pluralität der Sinne und ihren vielfältigen medialen Verkopplungen stellt.
